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Chameleon Heart

Jede Kurzgeschichte zeigt eine andere Farbe desselben Herzens, eine neue Perspektive derselben Ganzheit. Chameleon Heart erzählt von Veränderung, von Vielschichtigkeit und von dem Mut, sich immer wieder neu zu zeigen.

Kurzgeschichten

Foto: Camilla Fivian

Dazu gehören

Der Holzboden knirscht. Ich stelle abwechselnd den linken und dann den rechten Fuß auf das dunkle Parkett. Fischgrätenmuster. Andere denken dabei an Status, an eine vergangene Epoche der Opulenz und der Bourgeoisie. Ich denke an die Hände meiner Mutter, wie sie sanft über meinen Kopf gleiten und die feinen Strähnen zu einem Ganzen flechten.

„Rue!“ holt mich mein Sitznachbar aus meinen Gedanken.
„Bist du noch da?“ Der Tisch lacht. Ich sehe verlegen auf meine Hände herunter und ziehe krampfhaft die Mundwinkel nach oben. Auf meine Antwort wird zum Glück nicht gewartet.
„Ich habe gerade erwähnt, dass das Ferienhaus nicht zur Verfügung steht. Wir gehen also nach Saint-Tropez, okay?“

Der Tisch schaut. Gegelte Haare, kalte graue Augen, Acrylnägel, die ungeduldig über die Tischoberfläche tanzen. Ich sitze mit klopfendem Herzen vor meinem grünen Salat, während dem Tisch der fettige Mund glänzt.

Es fängt an zu regnen. Die klirrende Kälte kann sich noch nicht entscheiden, ob sie Kristalle aus den Tropfen formen soll. Ich bin froh um den Lärm des Wassers an den hohen Fenstern. Ich will hinaustreten, vor den schützenden Wall aus Glas und Mauern, und von der Nässe umarmt werden. Ich will, dass das Klappern meiner Zähne die Leere in meinem Kopf übertönt, ein Echo bildet und meine Gedanken ausfüllt. Ich will lieber Lärm als nichts.

Soll das Wasser in meine Schuhe kriechen und meine Füße fluten. Ich will ein Fisch sein und flink durch die Wellen toben, hinaus in die unendliche Tiefe des Ozeans.

Ist ein Fisch frei? Oder sollte ich mich der Erde zuwenden? Warm und etwas modrig riechend, Rückzugsort in kargen Zeiten. Ich kann mich auf Moos betten und den Wurzeln beim Wachsen, den Käfern beim Essen zuhören.

Ein Stuhl wird verrückt.
„Na?“, fragt der Tisch, und die Augen starren.
Weg kann ich nicht. Wenn also Flucht keine Option ist, ist es vielleicht Angriff. Was, wenn ich die Wahrheit sage? Verschlingt mich der Tisch dann? Fallen die Orchideenblüten von ihren Hälsen?

„Ich möchte nicht, nein. Ich verstehe das alles nicht. Und das Schlimmste ist: Ihr versteht mich auch nicht. Dieses Theater führt zu nichts, also fahrt, fliegt, geht, wohin auch immer ihr wollt. Nur lasst mich endlich in Ruhe“, hätte ich sagen, meine beige Leinserviette auf den Tisch knallen und hinaus an die frische Luft stürmen können.

Stattdessen rollt ein einziges Wort über meine trockenen Lippen:
„Klar.“

Am grünen Rand

Überall gibt es sie. Diese geheimen Gärten, die lauschigen Plätze hinter den vollgestopften Läden, eingepfärcht zwischen dem letzten Pub und der ersten Kirche. Zwischenwelten, da wo die Menschen aufhorchen. Vielleicht nimmt die Prostituierte von der Ecke im Mai erst wahr, dass es Frühling ist, weil die Gräser ihre Knöchel streicheln, wo die Sonne sonst nur auf den Beton trifft. Vielleicht beobachtet die Küchenchefin den schwarzen Vogel im Geäst der Esche und denkt sich „Ist schon Morgen?“, unwissend, dass die Amsel auch abends singt.

Die Gärten sind entgegen aller Überzeugungen nicht nur die Lungen, sondern auch die Herzen der Städte. Sie sind klassenlose Gefüge, Inseln der Zugehörigkeit oder aber der Einsamkeit. Sie bieten hemmungslose Zuflucht und Ruhe – eine berauschende Auszeit vor der Mittagshitze. Die Gärten sind unser letzter Rückzugsort vor der schnellen Welt. Auf Gras läuft es sich einfach langsamer.

Wer passt auf die Gärten auf? Wer wacht über die Halme und pflegt die Hecken? Jemand der sich nicht vor dem Wetter scheut, der bemüht ist um die Schönheit in dieser Welt. Eine ruhelose junge Frau, die dem Herbstgewitter trotzt, mit den Handschuhen ihrer Grossmutter ausgerüstet, mottig, von der Zeit gezeichnet. Oder ein alter Mann, vertieft in die Garten-Ratgeber seiner verstorbenen Frau, der hingebungsvoll die sterbenden Lilien umtopft.

Wenn der erste Schnee fällt, sind andere Menschen zu Gast in den Gärten der Stadt. Menschen, die nicht von der Knospe im Frühling, der Fülle des Sommers oder der goldigen Vergänglichkeit des Herbstes angezogen werden. Die erbarmungslose Kälte und das eisige Blau des Dezembers ruft sie zu sich. Wenn die Grenzen der Betonstrassen nicht von den einst flauschigen Rasenflächen zu unterscheiden sind – von Schnee und Eis bedeckt sind sie alle gleich.

Vergänglichkeit ist das Motto, das die Natur trägt. Alles ist so wunderbar flüchtig. Und wenn es eines Tages nicht mehr so ist, dann wissen wir; wir sind eins mit ihr geworden.​​​

Blaue Berge

Der Wind pfiff leise durch die Hügel und Täler. Es war früher Abend im Januar, und die Luft war wärmer als sonst zu dieser Jahreszeit. Rues Augen blinzelten in die sich annähernde Dunkelheit. Umrisse von warm eingepackten Gestalten näherten sich ihr, bevor sie im Augenwinkel wieder verschwanden.

Der Weg über den Hügel erstreckte sich gänzlich vor ihr, und je höher sie hinaufstieg, desto weiter wurde der Horizont. Hier oben kam der Himmel nicht näher – er war größer und ferner als je zuvor. Im Westen färbte das letzte Licht der Wintersonne die Berge blau. Nebel umhüllte die Täler zu deren Füßen, als würden sie aus dem Meer ragen.

„Dort muss ich hin“, sagte Rue zu sich selbst und folgte dem steinigen Pfad. Ruhe kehrte ein, und die Begegnungen wurden weniger, bis sie die Einzige auf der Anhöhe war.

Müde näherte sie sich wenig später dem Tannenwald, der im Dämmerlicht dunkel wirkte und nach Weihnachten roch. Es war nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel; in der Ferne konnte sie bereits Lichter in den Fenstern sehen. Es wurde auch Zeit – der Rucksack drückte auf ihren Schultern, und ihre Füße schmerzten.

Vor dem Haus angekommen, hielt sie kurz inne, bevor sie ihr Gepäck vorsichtig auf dem Boden abstellte. Drinnen konnte sie Stimmen hören, aber noch niemanden erkennen. Sie ging langsam an den Fenstern entlang – vorbei am Wohnzimmer, am Gästezimmer, bis hin zur Küche.

Da spürte sie plötzlich etwas Warmes um ihre Knöchel streifen. Sie blickte hinunter und entdeckte Tiffy, ihre Katze. Sie hob das schnurrende Fellknäul hoch und beobachtete, wie ihre Mutter und ihre beiden Tanten in der Küche geschäftig auf und ab gingen. Die Jüngste der drei Schwestern ließ sich mitsamt der mehlbedeckten Schürze auf einen Hocker am Eingang fallen und gestikulierte wild mit einem Spatel in der Luft herum.

Rue glitt ein Lächeln über das Gesicht. Sie küsste die Katze auf den Kopf und setzte sie wieder ab.

„Was werden sie wohl sagen, Tiff?“, fragte Rue leise. „Wenn ich nach all den Jahren einfach hier auftauche?“

Tiffy schnurrte und drückte die Augen zusammen.

„Ja, ja, ich liebe dich auch“, entgegnete Rue auf deren Reaktion und ließ den Kopf in den Nacken fallen.

Wenn alles auseinanderfällt, dachte sie, sieht man die Welt plötzlich klarer. Man sieht sie für das, was sie ist. Man sieht eine behütete Kindheit unter den Tannenwipfeln, Geheimnisse der Jugend, versteckt im Nebelmeer – ein kleines Leben unter den blauen Bergen.

Rue zuckte zusammen, als sich die Küchentür öffnete und drei Blondschöpfe ihren Augen nicht trauen konnten.

 

 

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